Gemeinsam wachsen durch Kreativität

 

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Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler des Projektes „Gemeinsam wachsen durch Kreativität“ haben sich mit der Geschichte „Die drei dunklen Könige“ von Wolfgang Borchert auseinandergesetzt. Am Ende des Projektes war eine Ausstellung mit Lesung geplant, bei der die Jugendlichen zunächst an den Leinetalschulen Hannover* ihre Arbeiten und Texte präsentieren sollten. Zunächst aber stand gestalterisches Handeln auf dem Plan.

Die Teilnehmenden konnten bei der Gestaltung großer Flächen aktiv werden, eigene Ausdrucksformen finden und sich als selbstwirksam erleben. Später entstanden nach interessanten Gesprächen und spannenden Diskussionen auch Texte, Gedankensplitter oder Assoziationsketten.

Eine Besonderheit der Arbeit bestand darin, die Aufgaben gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern umzusetzen, um sich die Projektinhalte gegenseitig näherzubringen. Für die Jugendlichen, die aus verschiedenen Kulturkreisen kommen und deren eine Hälfte Fluchterfahrungen gemacht hat und für die zudem die deutsche Sprache noch fremd war, gestaltete sich die Partnerarbeit als Herausforderung. Schnell fanden die Teilnehmenden jedoch eigene Wege, sich untertereinander zu verständigen. Das Überwinden der Sprachbarrieren förderte das Verständnis füreinander. Rücksichtnahme und Respekt vor den Stärken und Schwächen jedes Einzelnen und diese als Teil des Anderen anzuerkennen und anzunehmen, wirkte sich positiv auf die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler aus.

Die Jugendlichen profitieren aber nicht nur von der Entwicklung ihrer künstlerischen, gesellschaftlichen und interkulturellen Kompetenz, sondern auch von einem gewachsenen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Diese Stärkung der Persönlichkeit ist notwendig, um das eigene Leben zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen, Ideen zu entwickeln und auch, um im gesellschaftlichen und politischen Bereich mitwirken und mitbestimmen zu können.

Bei der Schulleitung der Leinetal Gymnasium & Realschule und besonders bei ihrem Geschäftsführer, Herrn Ismail Temel, bedanke ich mich für die Öffnung der Schule für dieses Projekt. Dadurch wurden den Schülerinnen und Schülern als Ergänzung zum regulären Unterricht neue Lernwege ermöglicht.

Die Schulleitung und alle Beteiligten des  Projektes danken Herrn Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen K.d.ö.R., für die Übernahme der Schirmherrschaft.

Für die Vermittlung an die Leinetalschulen Hannover, die Mitgestaltung des Projektes und die engagierte Unterstützung bei seiner Umsetzung gilt mein Dank Frau Sonja Bürmann, Lehrkraft für Werte und Normen.

Den Schülerinnen und Schülern danke ich im Namen des Projektteams für ihre Neugier und die Mitwirkung, für das Durchhaltevermögen, die vielen freundlichen Worte und für jedes einzelne Lächeln, das uns so oft mit Warmherzigkeit entgegengebracht wurde.

Viel Freude beim Stöbern auf dieser Projektwebseite wünscht
Corinna Luedtke

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*Dieser Link führt zu der Webseite der Leinetalschulen Hannover

Ein Wort vorab

In den letzten Jahren sind viele Menschen nach Deutschland geflüchtet. Mit viel Risiko sind sie auf unterschiedlichsten Wegen zu uns gekommen. Es gab Menschen, die auf der Flucht vor dem Krieg, Verfolgung und Hass ihr Leben verloren haben. Diejenigen, die es geschafft haben, dürfen oder müssen ein neues Leben beginnen. Ein neues Leben in der Fremde. Ein neues Land, eine neue Kultur, eine neue Sprache!

„Gemeinsam wachsen durch Kreativität“: so nannte die Künstlerin Frau Corinna Luedtke* ihre Projektidee. Als unsere Lehrerin Frau Sonja Bürmann mir von dem Projektentwurf berichtete, war ich überzeugt davon, dass die Idee unbedingt umgesetzt werden musste.

Kinder sind unsere Zukunft! Dieser Satz, der jedem eigentlich klar ist, unterscheidet nicht zwischen Flüchtlingen, Ausländern, Kindern mit oder ohne Migrationshintergrund. Es sind Kinder! Es ist unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diesen Kindern Möglichkeiten zu einer guten schulischen und beruflichen Ausbildung zu ermöglichen.

Wir sollten uns auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren, die uns in unserer Gesellschaft stark machen. Die Fertigkeiten und Kenntnisse jedes Einzelnen sollten als Mittel verwendet werden, um gemeinsame Ziele zu verwirklichen. Toleranz, Respekt und Chancengleichheit sollten die Rahmenbedingungen des Miteinanders bilden. Auf diese Gedanken geht die Gründung unsere Schule zurück, weshalb die Leinetalschulen der perfekte Ort waren, um das Projekt umzusetzen.

Die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen haben am Ende eine tolle Arbeit geleistet. Die Ergebnisse des Projekts waren am Tag der offenen Tür einem breiten Publikum zugänglich. Unser Oberbürgermeister Herr Stefan Schostok, unser Bezirksbürgermeister Henning Hofmann (Kleefeld – Großbuchholz) und viele Gäste waren angetan von den Ergebnissen und den Gefühlen der Schülerinnen und Schüler, die auch künstlerisch herausragten.

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Am Ende haben wir alle am Schulleben von dem Projekt „Gemeinsam wachsen durch Kreativität“ profitiert. Die teilnehmenden Flüchtlingskinder, die die Möglichkeit bekamen, ihre Emotionen, Erlebnisse, Erfahrungen und Bedürfnisse darzustellen, die Paten, aus denen nach kurzer Zeit Freundinnen und Freunde wurden … Die Lehrerinnen und Lehrer, die die Kinder, die ansonsten schüchtern im Klassenraum sitzen, aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen durften … Vor allem das Minikonzert vor dem Weihnachtsessen des Kollegiums das den Blickwinkel auf die sogenannten „Sprachlernschüler“ entscheidend veränderte … Die Eltern, die stolz auf die Ergebnisse ihrer Kinder sein durften.

Ich möchte mich bei Frau Luedtke, die ihre Idee mit unseren Schülerinnen und Schülern umsetzte, Frau Bürmann, die sie dabei sehr unterstützte und bei allen am Projekt Beteiligten herzlich bedanken.

Ismail Temel
Geschäftsführer
Leinetal Gymnasium & Realschule

* Dieser Link führt zur Webseite von Corinna Luedtke

Das Projekt

Die Projektteilnehmenden haben sich mit der im Jahre 1946 entstandenen Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“ von Wolfgang Borchert kreativ auseinandergesetzt. Das Projekt war zugleich Kreativwerkstatt und Schreibwerkstatt.

Wolfgang Borchert adaptierte in seiner Erzählung Motive aus der Weihnachtsgeschichte in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Trümmern der Nachkriegszeit sucht ein junges Paar Zuflucht in einer armseligen Hütte, wo die Frau ihr Kind bekommt. Zur gleichen Zeit irren drei dunkle Gestalten durch die Nacht. Als sie in der Ferne das Licht in der Hütte sehen, folgen sie ihm und begehren Einlass. Die drei Männer in ihren Uniformen sind Kriegsversehrte, die mit ihren auffälligen Leiden zunächst verstörend auf die noch junge Familie wirken. Diese fürchtet sich vor den Fremden. Die drei Unbekannten aber treten ein und beschenken die Familie mit dem Wenigen, was sie besitzen. Das Neugeborene zeigt Stärke und sein Überlebenswille macht auch die Eltern stark. Die drei Uniformierten nehmen die Widerstandskraft des Kleinen wahr. Während sie die Behausung verlassen, nicken sie und es entsteht eine Atmosphäre des Einklangs. Inmitten das Kind als Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft.

Borchert schildert die Begegnung mit wenigen Worten. Mit seiner klaren und nüchtern wirkenden Sprache lässt der Autor viele Interpretationsmöglichkeiten zu.

Die Geschichte bietet viel Potenzial für unterschiedliche Auslegungen. Verschiedene Aspekte in der Geschichte führen zu Themenfeldern, die uns auch gegenwärtig beschäftigen. Interpretatorische Anhaltspunkte weisen auf die sich durch die Geschichte ziehenden übergreifenden Themenfelder hin. Dabei stellt Borchert das menschliche Sein in direkten Bezug zum menschlichen Überlebenswillen.

Weitere Themengebiete

  • Fremde und Furcht
  • Distanz und Annäherung
  • Barmherzigkeit und Humanität
  • Perspektiven der Kriegs-/Nachkriegszeit
  • Dunkelheit und Licht
  • Verlust und Suche nach Heimat
  • Religion und Verlust des Glaubens
  • Wut und Mut
  • Unsicherheit und Vertrauen
  • Einsamkeit, Familie und Freundschaft
  • Hoffnung und der Glaube an sich selbst


Projektdurchführung und Ablauf

In dem Projekt erlernten die Schülerinnen und Schüler Wörter und deren Bedeutung anhand bildhafter Darstellung oder durch Übersetzung gleichsprachiger Projetteilnehmender. Diese Wörter integrierten sie in eigene Geschichten oder Bilder. In dieser Mischung aus kreativer Bild- und Sprachwerkstatt wurden Bilder in Sprache und Sprache in Bilder umgesetzt und so deren Bedeutung erfahrbar gemacht.

Im Verlauf des Projektes konnte jede/r Teilnehmende seinen eigenen Weg erarbeiten und Spuren hinterlassen. Sie finden sich in der Ausstellung wieder, die am Ende des Projektes steht.

Auch in Assoziationsketten, Wortbildern und Texten spiegeln sich die individuell erfahrenen Eindrücke und Erkenntnisse der Projektarbeit wider.

Diese im Arbeits- und Entwicklungsprozess erlernte und erarbeitete kreative Ausdrucksmöglichkeit befähigte die Teilnehmenden dazu, anhand der Bilder und erstellten Texte ihre eigene Geschichte zu spiegeln, innere Bilder wiederzugeben und als persönliche Darstellung der eigenen Lebensgeschichte zu begreifen.

Nach der Aufwärm- und Kennenlernphase haben sich die Jugendlichen in kleinere Gruppen aufgeteilt. Dies hatte den Vorteil, dass jede/r nach seinen eigenen Vorlieben entscheiden durfte, in welcher Arbeitsgruppe sie/er aktiv sein wollte. So entstanden Teilprojekte, die parallel liefen und sich später im Gesamtkontext ergänzten. Anhand der entstandenen Bilder und der verinnerlichten Projektinhalte entwickelten einige Teilnehmende in der Mittel- und Endphase des Projektes neue Texte und Geschichten. Ein Geflecht aus „erzählenden“ Bildern und individuellen Geschichten entstand.

Am „Tag der offenen Tür“ der Leinetalschulen Hannover hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihr Projekt zu präsentieren. Verteilt über eine Fensterfront in der Aula (7,50 m breit x 2 m hoch) hingen die Bilder und „Wortbilder“ auf künstlerisch gestalteten Untergründen. Davor standen drei große Leinwände, auf deren Vorderseiten die „Drei dunklen Könige“ und auf deren Rückseiten Texte und Fotos der Teilnehmenden zu sehen sind. Gemeinschaftlich stellten die Jugendlichen das Projekt und ihre Texte vor. Dafür bekamen sie am Ende anhaltenden Applaus und freuten sich über ihren Erfolg.

Corinna Luedtke

"Die Ausstellung"

Projektstart

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Der Teilnehmerkreis setzte sich aus Schülerinnen und Schülern der Leinetalschulen Hannover zusammen, deren eine Hälfte Fluchterfahrungen hinter sich hatte. Ihnen stand die andere Hälfte der Jugendlichen als Patinnen und Paten zur Seite.

Mit großformatigen Maluntergründen und viel Farbe sollten anfänglicher Schüchternheit und Ängsten begegnet werden. Große Bewegungen, Körpereinsatz und das Bewusstsein, gemeinsam an einer Aufgabe zu arbeiten, förderten das Selbstbewusstsein der Jugendlichen. Erste Grundlagen für ein gemeinsames Wachsen und Ankommen – nicht nur in unserem Projekt – waren damit gelegt.

Kreativer Umsetzungsprozess und neue Herausforderungen

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Mit dem Einstieg in die Projektthematik begann die Textarbeit. Abschnitt für Abschnitt näherten sich die Teilnehmenden dem Handlungsstrang der Geschichte. Das Erarbeiten und Verstehen des Textes erfolgte kaum über die klassische Textarbeit, sondern vielmehr über die sinnliche Wahrnehmung und anhand kreativer Arbeitsweisen der Visualisierung. So bekam jede Schülerin und jeder Schüler ein Stück Holz. Das Schnuppern und Riechen, das Abtasten und Fühlen der „Planke“, wie das Holz in der Geschichte genannt wird, führte zum tieferen Verständnis der Handlung. Auch die Vorstellung, die fremde „Vorstadt“ zu erleben und zu erfahren, sie zu fühlen und zu spüren, erleichterte die Auseinandersetzung mit dem Begriff.

Der Umgang mit Farbe, Pinsel und Schere war für einige der Teilnehmenden zunächst noch nicht selbstverständlich. Es lässt sich nur erahnen, unter welchen Bedingungen die jungen Menschen in Kriegs- und Krisengebieten aufgewachsen sind und welche Entbehrungen sie im kulturellen und kreativen Bereich hinnehmen mussten.

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Sprachwerkstatt

Da einige der Teilnehmenden bei Projektbeginn erst kurze Zeit in Deutschland lebten, war es eine Herausforderung, das Projekt in drei Sprachen stattfinden zu lassen. Mit unterschiedlichen Mitteln, wie Erklärungen, Ausführungen, Wortanalysen und Übersetzungen konnten Aufgaben und Projektinhalte auf Deutsch, Türkisch und Arabisch verständlich gemacht werden. Manchmal war das nicht ganz einfach, da sich nicht jeder Begriff wörtlich übersetzen lässt. Ein herzliches Dankeschön an diejenigen, die dabei engagiert geholfen haben.

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Geschichten, Gedanken, Assoziationen

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Die Bearbeitung der Erzählung erfolgte auf unterschiedliche Art und Weise. In Diskussionsrunden, Partner- und Gruppengesprächen entstanden Assoziationsketten, Texte, Gedanken und Geschichten. Einige dieser Texte und Wortsammlungen sind in dieser Broschüre abgedruckt. Obwohl manche Teilnehmende erst seit kurzer Zeit in Deutschland waren, wollten sie ihre Texte trotzdem auf Deutsch schreiben. Um die Texte authentisch zu lassen und den ihnen eigenen Charme zu erhalten, wurden sie nicht korrigiert.

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Arbeit in Sprachgruppen

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Im fortgeschrittenen Projektstadium haben deutschsprachige Teilnehmende in der jeweiligen Sprachgruppe Einblicke in die arabische oder türkische Sprache erhalten. In einem Mix aus Deutsch und Arabisch oder Türkisch wurden Begriffe aus der Kurzgeschichte und ihre Bedeutung analysiert, interpretiert und wieder zurück ins Deutsche übersetzt – neue Eindrücke und eine spannende Erfahrung.

Wortbilder entstehen

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Die Erzählung wurde abschnittsweise erarbeitet. Um einzelnen Wörtern ein stärkeres Gewicht oder eine tiefere Bedeutung zu geben, wählten die Schülerinnen und Schüler aus einem Textabschnitt ein Wort aus, das für sie eine besondere Bedeutung hat und stellten es bildnerisch dar. Die so entstandenen Wortbilder sind kleine Kunstwerke. Jedes Bild ist mit viel Liebe zum Detail gemalt und gezeichnet worden. Aus der Geschichte herausgelöst, zeigt sich das Wort in neuem „Gewandt” und kann neu interpretiert und zu einer neuen Geschichte werden.

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